Die Wissower Klinken sind Geschichte

Für Rüganer und Rügenurlauber waren sie ein besonderer Anziehungspunkt: Die spitz aufragenden Wissower Klinken waren neben dem Königsstuhl ein außergewöhnliches Naturdenkmal und berühmtes Fotomotiv der Insel. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2005 stürzten die weiß leuchtenden Hauptzinnen der Wissower Klinken in die Tiefe. Mit ihnen ging ein Rügener Wahrzeichen verloren. 50.000 Kubikmeter Kreide wurden in die Ostsee gerissen. Von der ursprünglichen Formation bleiben nur zwei verkümmerte Stümpfe übrig. Der Abbruch der Wissower Klinken hat Bewohner von Rügen, Touristen und Fachwelt gleichermaßen überrascht. Viele Fragen tauchten auf: Warum an dieser Stelle, warum in dieser Massivität, warum zu diesem Zeitpunkt?

Vorboten des Abbruchs

Das Nationalparkamt beobachtete in den Jahren vor dem Abbruch Veränderungen an der Felsformation. Regelmäßig gab es kleinere Abbrüche bei den Wissower Klinken. Senkrechte Risse hatten sich gebildet, die den Kennern der Kreideküste Sorge bereiteten. Kreiderieselungen deuteten auf innere Spannungen hin. Drei Jahre vor dem Abbruch hatte sich zwischen den beiden Hauptzinnen der Wissower Klinken ein richtiger Trichter ausgebildet. Fachleute stellten fest, dass der Unterbau im Bereich der Wissower Klinken instabil geworden war und aus zerrütteter Kreide bestand.

Nur eine Woche vor dem Abbruch der Wissower Klinken wies Manfred Kutscher, ein Mitarbeiter des Nationalparkamtes, auf ein "hohes Gefahrpotential" für die Wissower Klinken hin. Bereits 2002 hatte er vermutet, dass die Wissower Klinken im Jahr 2012 nicht mehr existieren würden.

Gründe für den Abbruch am 24. Februar 2005 gibt es viele: ein zerrütteter Unterbau, Erosion, innere Spannungen, die Meeresbrandung sowie Schäden aus Feuchtigkeit und Frost. In der Summe haben diese Einwirkungen die Wissower Klinken über Jahrzehnte hinweg mürbe gemacht und zu deren Abbruch geführt.

In Memoriam Wissower Klinken

Die Rüganer verabschiedeten sich am 13. März 2005 mit einer Retrospektive und einem Konzert im Nationalparkzentrum von ihren Klippen. Die Symphonie Nr. 1 c-Moll op.68 von Johannes Brahms wurde gespielt. Die Natur im Nationalpark Jasmund hatte den Komponisten im Sommer 1876 zum vierten Satz inspiriert. Er soll an einen Freund geschrieben haben: "An den Wissower Kliniken ist eine schöne Sinfonie hängen geblieben."

"Ein spektakuläres Naturschauspiel"

Die Überreste der Wissower Klinken befinden sich im Nationalpark Jasmund. Er umfasst neben der Kreide-Steilküste den bewaldeten Höhenrücken der Stubnitz oberhalb der Felsen und einen 500 Meter breiten, dem Strand vorgelagerten Bereich der Ostsee. Die natürliche Entwicklung der Küste ist eines der Schutzziele in Deutschlands kleinstem Nationalpark. Menschliche Eingriffe werden auf ein Minimum reduziert. "Ein Nationalpark ist ein Schutzgebiet, in dem sich die Natur weitgehend ungestört und möglichst ursprünglich entfalten kann. Dies schließt ihre Regulierung durch menschliche Eingriffe weitgehend aus."

Aktiv werden die Küstenpfleger nur dann, wenn akute Lebensgefahr besteht. Ein künstliches Abstützen der Kreidefelsen oder eine Schutzmauer gegen die Brandung der Ostsee wurden in der Bevölkerung und der Presse diskutiert - aber solche Maßnahmen sind teuer und lassen sich nicht mit dem Charakter eines Naturparks in Einklang bringen. Mitarbeiter des Nationalparkamtes betrachten die Kreide-Abbrüche nicht als Katastrophe, sondern als "ein spektakuläres Naturschauspiel". Einen Vorteil haben die beständigen Abbrüche auf jeden Fall: die strahlend weiße Farbe der Kreidefelsen bleibt erhalten - andernfalls würden sie mit der Zeit wohl eine unscheinbare, schmutzig-graue Farbe annehmen.

Vorsicht und Aufmerksamkeit am Steilufer

Nach wie vor wird die dreizehn Kilometer lange Kreide-Steilküste von jährlich circa 1,5 Millionen Touristen besucht. Der Abbruch der Wissower Klinken hat dem Ansturm der Touristen nichts anhaben können. Das Nationalparkamt warnt mit Hinweisschildern und Handzetteln vor den Gefahren, die vom Steilufer ausgehen. Besucher sollen nur die ausgewiesenen Wanderwege benutzen und Warnhinweise an gefährdeten Küstenabschnitten ernst nehmen. Es sind keine Prognosen möglich, wann und an welcher Stelle und in welchem Ausmaß der nächste Abbruch stattfinden wird.

Kreideklippen in Europa im Vergleich

Zeitgleich mit den Rügener Kreidefelsen entstanden auch an anderen Stellen in Europa Kreideklippen. Auch von dort werden von Zeit zu Zeit kleinere und größere Abbrüche gemeldet:

 

  • Die dänische Insel Moen gilt als kleine Schwester Rügens. Geologen gehen davon aus, dass Rügen und Moen zu einer gemeinsamen, wieder abgesunkenen Landmasse gehören. Die Insel besitzt an ihrer Ostseite eine zwölf Kilometer lange Kreideküste namens "Mons Klint". Im Februar 2007 stürzte der "Store Taler" ab, eine berühmte Formation, und mit ihm eine halbe Million Tonnen Kreide, Lehm, Kies und Vegetation. Anfang des 20. Jahrhunderts war ein Drittel des bekannten Liselundparks in die Ostsee gestürzt - dabei ging eine Kluft mit künstlichen Ruinen, einem Wasserfall und einer kleinen Kapelle verloren. 1952 entstand nach einen großen Abbruch am Vitmunds Nakke und Puggards Klint eine 500 Meter lange neue Halbinsel. Das Wahrzeichen "Sommerspiret" ging zum großen Teil 1980 verloren - der Rest des Felsens stürzte 1988 in die Ostsee.
  • "Beachy Head" an der englischen Südküste ist der höchste Kreidefelsen Großbritanniens. 1999 stürzten bei einem größeren Abbruch 100.000 Tonnen Kreide ins Meer. Der Leuchtturm, der "Belle Tout Lighthouse" von 1831, musste 1999 wegen Erosion des Felsens um siebzehn Meter landeinwärts versetzt werden.
  • 2001 ereigneten sich an der Kreideküste westlich und östlich von Dover größere Abbrüche. Kreidebrocken mit einem Gewicht von 100.000 Tonnen und der Größe eines Fußballfeldes fielen in die Tiefe.

 

 

Quelle: NDR - Autorin/Autor: Sabine Ledosquet