Die Unbeständigkeit der Kreidefelsen

Bei dem schweren Abbruch vom 24. Februar 2005 stürzten die Hauptzinnen der Wissower Klinken ins Meer. Mit ihnen ging eine Rügener Ikone verloren - das Naturdenkmal Wissower Klinken existiert nicht mehr. Wie konnte das geschehen? Hat sich das Unglück im Vorfeld angekündigt? War es ein einmaliges Vorkommnis oder haben sich andere Abbrüche an den Kreideklippen ereignet?

Abbrüche an den Rügener Kreidefelsen hat es immer wieder gegeben. Durch Erosion verändert die Felsformation seit Jahrtausenden ihr Aussehen. Meist finden die Abbrüche im Winter und Frühjahr statt und kündigen sich in der Regel durch zunehmende Risse und Rieselungen von feinem Sand und Kreide an. Es gibt Zeiten, in denen die Felsformation stabil ist wie in der kleinen Eiszeit zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert. Damals war der Meeresspiegel niedriger und die Felsen liefen in breiten Stränden aus. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts nehmen die Abbrüche wieder zu. In den letzten 60 Jahren haben sich viele kleine und einige große Abbrüche auf Rügen ereignet:

  • Eine polizeiliche Verordnung stellte ab 1906 das Entfernen von Findlingen am Strand unter Strafe. Viele dieser natürlichen Wellenbrecher waren im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts für den Bau der Sassnitzer Mole abtransportiert worden.

 

  • 1929 wurde der Nationalpark Jasmund durch eine Polizeiverordnung unter Schutz gestellt. Eine Wiederaufnahme des Kreideabbaus am Kliff konnte mit dieser Maßnahme verhindert werden.

 

  • 1953 kommen bei einem großen Abbruch an der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht 100.000 Kubikmeter Kreide herunter.

 

  • 1981 stürzen 150.000 Kubikmeter Kreide in die Ostsee.

 

  • Im Oktober 1990, unmittelbar vor der deutschen Einheit, beschloss die scheidende DDR- Regierung ein Nationalparkprogramm, das dem Nationalpark Jasmund höchstmöglichen nationalen Schutzstatus zuerkannte.

 

  • 1999 stürzen bei den Wissower Klinken 2.000 Kubikmeter Kreide, Sand und Lehm sowie einige Bäume in die Ostsee. Eine neue Treppe hinunter zum Strand wird zerstört.

 

  • Im Februar 2002 kommt es bei den Wissower Klinken zu einem erneuten Abbruch mit 1.000 Kubikmetern Kreide und Geröll. Eine etwa 50 Meter breite Kreidewand sowie einige Bäume rutschen ins Meer. Zwischen den Wissower Klinken hat sich ein Trichter ausgebildet. Der Unterbau im Bereich der Wissower Klinken ist instabil und besteht aus zerrütteter Kreide. Mitarbeiter des Nationalparkamts geben den Wissower Klinken noch maximal zehn Jahre.

 

  • Im März 2002 stürzen weitere 25.000 Kubikmeter an der Rügener Kreideküste ins Meer, davon etwa 1.000 Kubikmeter an den Wissower Klinken.

 

  • 2003 werden senkrechte Risse seitlich an den Wissower Klinken beobachtet, die auf enorme Kräfte im Inneren schließen lassen.

 

  • Am 9. Februar 2005 berichtet die Ostseezeitung, dass ein Mitarbeiter des Nationalparkamtes beobachtet hat, dass sich die Risse an den Wissower Klinken verbreitert haben. Zwischen dem Kieler Bach und den Wissower Klinken rieselt Kreide herunter. Das Nationalparkamt hält einen kleinen Abbruch an den Wissower Klinken in der nächsten Zeit für möglich.

 

  • Am 16. Februar 2005 kommt es auf der linken Seite der Wissower Klinken zu einem Abbruch, dem drittgrößten innerhalb der letzten sechs Jahre. 1.000 Kubikmeter Kreide stürzen ins Meer. Ein Mitarbeiter des Nationalparkamtes spricht von einem "hohen Gefahrpotential" für die Wissower Klinken.

 

  • Am 23. Februar 2005 findet ein Abbruch vor dem Kieler Bach statt, fußläufig eine Dreiviertelstunde von den Wissower Klinken entfernt. 500-800 Kubikmeter Kreide und Schlamm kommen herunter.

 

  • In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2005 stürzen die Hauptzinnen der Wissower Klinken in die Tiefe. 50.000 Kubikmeter Kreide werden in die Ostsee gerissen.

 

  • Einen Tag nach dem Abbruch der Wissower Klinken kommen weitere 50.000 Kubikmeter in Form von Sand und Mergel auf der linken Seite der ehemaligen Wissower Klinken nach unten. Hier hat es 1999 bereits den großen Abbruch gegeben. Einige Tage später entdeckt das Nationalparkamt Jasmund neue Risse auf der rechten Seite der Wissower Klinken.

 

  • Am 25. Februar 2005 begraben herabstürzendes Geröll, Steine und Sand an der Steilküste im Südosten Rügens zwischen Göhren und Lobbe eine Frau unter sich.

 

  • Am 2. März 2005 kommt es auf dem Hochuferweg neben den Resten der Wissower Klinken in Richtung Ernst-Moritz-Arndt-Sicht zu einem weiteren Abbruch - Kreide, eine Bank und Teile eines Holzgeländers stürzten in die Tiefe.

 

  • Am 19. März 2005 rutscht in Lohme, westlich von den Wissower Klinken, eine Fläche größer als zwei Fußballfelder mit mehr als 100.000 Kubikmetern Geröll und Erde ins Meer. Ein Gebäude steht auf Abbruchkante.

 

  • Auch 2006 gibt es an beiden Seiten der ehemaligen Wissower Klinken kleinere Abbrüche mit Schlamm und Sand.

 

  • Am 3. Juli 2007 stürzen nach mehreren Tagen mit Dauerregen 5.000 Kubikmeter Kreide an der Steilküste ab.

 

  • Am 12. Juli 2007 werden ein Vielzahl kleinerer Abgänge registriert, die durch den starken Regen hervorgerufen wurden. Zwischen dem Kieler Bach und Sassnitz ist der Strand schwer passierbar, weil breite Schlammflüsse auf den Strand geflossen sind.

 

  • Am 10. Dezember 2007 kommt ein größerer Kreideabschnitt zwischen dem Kieler Bach und dem Kollicker Ufer ins Rutschen.

 

  • Am 10. Januar 2008 stürzen im Küstenverlauf erneut 25.000 Kubikmeter Kreide herunter, an zwei Stellen nahe der ehemaligen Wissower Klinken stürzen je 1.000 Kubikmeter auf den Strand.

 

  • Am 9. April 2008 kommen an vier großen Abbruchstellen 25.000 Kubikmeter Kreide, Geröll und Schlick herunter.

 

  • Im April 2009 bricht erneut ein Teil des Küstenabschnittes in der Nähe von Sassnitz ab. Die Kreideklippen kommen nicht zur Ruhe.

 

 

Quelle: NDR - Autorin/Autor: Sabine Ledosquet

 

(Stand: Februar 2010)