Sagen der Insel Rügen

Die Entstehung der Insel Rügen
Als unser Herrgott die Welt schuf und beinahe damit fertig war, stand er eines Abends, so kurz vor Sonnenuntergang, auf der Insel Bornholm und schaute von hier aus zur pommerschen Küste hinüber.
Seine große Maurerkelle lag in der Molle, in der aber nur noch ein kleines bißchen Erde übrig war.
Als er nun so über das Wasser hinschaute, schien ihm die Küste doch gar zu kahl zu sein. Er nahm den Rest aus der Molle und warf es von Bornholm zur Küste hinüber. So ungefähr eine halbe Meile davor fiel der Klacks in's Wasser.
Unser Herrgott fuhr noch mit der Kelle an den Kanten entlang und machte sie nach außen schön glatt und rund. So wurde Rügen am Ende gerade so eine Insel wie all die anderen auch.
Inzwischen war die Sonne beinahe ganz untergegangen. Der Herrgott wollte Feierabend machen. Schnell kratzte und schrapte er noch alle Reste zusammen und klackte sie noch an die Insel ran. So entstanden Jasmund und Wittow.
Das sah zwar ein bisschen rauh und unruhig aus, aber unser Herrgott dachte: "Is Fierabend, un nu lat' man so blieven, as 't is!"

Der Königsstuhl
Der Königsstuhl, zwar nicht die höchste Erhebung in der sagenumwobenen Stubnitz, doch der bekannteste Kreidefelsen, war bei der Königswahl entscheidend. Der mutigste Bewohner der Insel musste von der Seeseite aus den hundertneunzehn Meter hohen Felsen ersteigen. Hatte er diese Mutprobe bestanden, durfte er sich auf den aus Steinen errichteten Stuhl setzen und wurde zum König bestimmt.

Die Frau am Waschstein
Am Fuß des Königsstuhls liegt ein gewaltiger abgeflachter Granitblock, der Waschstein, auf dem zwanzig Männer nebeneinander Platz haben. Auf diesem Stein erscheint alle sieben Jahre um Johanni bei Tagesanbruch eine zarte, verwünschte Jungfrau und wäscht ihre Kleider im Meer. Wer ihr begegnet und "Guten Tag, Gott helfe" sagt, der hat sie erlöst. Aus Dankbarkeit wird sie ihren Befreier zu verborgenen Schätzen führen.

Der Pfennigkasten
In der Nähe des Herthasees, am Waldweg nach Hagen liegt ein geöffnetes Steinkistengrab. Der Priester der Göttin Hertha hat dort das ihr geopferte Geld verwahrt.
Die Kammer des Großsteingrabes soll bei seiner Öffnung  bis an den Rand mit Geld und Gold gefüllt gewesen sein.

Die Herthabuche
Wenige Schritte vom Eingang der Herthaburg stand bis vor kurzem eine stark gewachsene Buche, die bei den Kulthandlungen der Göttin Hertha eine Rolle spielte. Aus dem Rauschen der Zweige sagte der Priester die Zukunft voraus, und die Göttin teilte auf diese Weise ihren Willen mit.

Die Herthasage
Die Herthaburg in der Nähe der Stubbenkammer war in alter Zeit Wohnsitz der Göttin Hertha. Sie war den Menschen wohlgesinnt und belohnte die Mühe der Bauern mit reichen Früchten. Zur Erntezeit fuhr die Göttin auf einen mit Kühen bespannten Wagen durch das Land und wurde überall mit Jubel begrüßt. Nach der anstrengenden Fahrt badete die Göttin in dem unmittelbar neben der Burg gelegenen Waldsee, dem Herthasee. Diener und Dienerinnen wuschen den Wagen und leisteten Hilfe bei den heiligen Handlungen. Damit sie von den Zeremonien nichts ausplaudern konnten, wurden sie ertränkt. Die Geister der im See ertränkten versammeln sich noch heute am Ufer.

Die schwarze Frau in der Stubbenkammer

In der Stubbenkammer führt ein schmaler, steiler Pfad zur Höhle der schwarzen Frau. Sie sitzt da seit vielen hundert Jahren. Früher bewachte sie einen goldenen Becher. Oben auf dem Felsen saß eine weiße Taube. Es mag hundert Jahre her sein, als ein in Dänemark wegen Hochverrats zum Tode Verurteilter den Befehl erhielt, durch den Raub des Bechers sein Leben zu retten. Begleiter führten ihn bis auf den Felspfad.
Der Verurteilte fand die Höhle offen, in der unbeweglich, in Flammen eingehüllt, die schwarze Frau saß. Sie war in Seide gekleidet, und ein schwarzer Schleier verdeckte ihr Gesicht. Neben ihr lag der Becher. Der Eindringling griff danach. Da schlug die schwarze Frau den Schleier von ihrem bleichen, schönen Gesicht zurück, sah ihn an und klagte mit leiser Stimme: "Wähle recht, fremder Mann! Wenn du recht wählst, so bin ich auf ewig Dein!" Der Missetäter aber sah nichts als den Becher und nahm ihn fort. Im Davoneilen hörte er es hinter sich seufzen: "Weh mir, nun kann mich keiner erlösen!" In diesem Augenblick verwandelte sich die weiße Taube in einen Raben, der dort ewig Wache hält.

Die Steinprobe
In der Nähe des Burgwalles liegt ein Felsblock, Sagenstein genannt. Auf ihm sind die Eindrücke eines Menschenfußes und eines Kinderfußes zu sehen. Es wird erzählt, daß sich unter den Dienerinnen der Göttin Hertha eine Jungfrau befand, die trotz Verbots einen Ritter liebte und ihn allnächtlich im Wald traf. Bald darauf entdeckte der Priester, daß eine Jungfrau ihr Gelöbnis gebrochen hatte. Da keines der jungen Mädchen das Vergehen zugab, befahl die Göttin die Steinprobe. Jede Dienerin mußte mit bloßen Füßen den Stein besteigen. Als die Schuldige den Findling bestieg, drückten sich ihr Fuß und auch der Fuß eines kleines Kindes ein. Der Priester führte das Mädchen an den steilen Rand der Kreideküste und stieß es hinab. Doch die Göttin ließ die Ungehorsame in die Arme ihres Geliebten sinken, der sie mit auf sein Schiff nahm.

Der Aufhocker
Die Reddevitzer Bauern glaubten, dass es am Venzenbusch spukt. Ein Thiessower Fischer, der mit seiner Frau nachts dort vorüber kam, sah eine kopflose menschliche Gestalt. Die Frau sah jedoch nichts davon.
Als der Mann dem Gespenst ausweichen wollte, fühlte seinen Hals von Geisterarmen umschlungen und auf seinem Rücken eine schwere Last, die von Minute zu Minute drückender wurde.
Um nicht zusammenzubrechen, schleppte er sich mit seiner Bürde ins Wasser. Als ihm das Wasser bis zum Hals reichte, ließ der Aufhocker von ihm ab. Sobald er sich aber dem Land wieder näherte, fühlte er wieder die unheimliche Last auf dem Rücken. Erst vor Thiessow konnte er aus dem Wasser wanken, ohne die Last zu spüren.

Das zweite Gesicht

Ein älterer und ein jüngerer Fischer fuhren mit ihrem Boot zum Flundernverkauf nach Greifswald und beschlossen, noch am gleichen Abend nach Göhren heimzusegeln. Bei Thiessow jedoch kenterten sie wegen des schlechten Wetters und ertranken. Zur selben Stunde sah ein Freund den jüngeren Fischer in Middelhagen auf der Landstraße. Er sprach ihn an, doch der antwortete nicht, ging an ihm vorbei zum Kirchhof und verschwand dort.

Schatzhüter im Garzer Schlosswall

Vor langer, langer Zeit stand dort, wo noch der Burgwall zu sehen ist, ein großes und schönes Heidenschloss, in dem Götzen angebetet wurden. Dort lebte ein alter König, der sich von seinen unermesslichen Schätzen nicht trennen konnte. Tief unter der Erde baute er einen Saal aus Marmor und Kristallen. Jahrhundertelang bewachte er sein Geld. Menschen, die so sehr an Gold und Silber hängen, können nicht sterben, auch wenn sie noch so sehr um den Tod bitten. Erst als der König dürr und trocken war wie ein Totengerippe, starb er endlich.
Zur Strafe für seine Habgier wurde er in einen schwarzen, mageren Hund verwandelt und muss weiter die Schätze bewachen. Nur um Mitternacht kommt er auf die Erde, als graues Männlein mit schwarzer Pudelmütze mit einem weißen Stock in der Hand. Auf dem Wege nach Poseritz haben ihn die Leute häufig gesehen.

Störtebekers Grab
Auf Tollow, südlich von Zudar, mitten in der Maltziner Wiek soll Störtebeker begraben sein.
Er liegt in einem goldenen Sarg, der an eine goldene Kette gebunden ist, deren Ende bis unter die Erdoberfläche reicht. Andere erzählen, der Sarg stehe auf dem Meeresgrund in der Seenhalling.
Viele haben im Laufe der Jahre nach der goldenen Kette gegraben, um den Sarg zu finden, immer vergeblich.
Unbekannt ist der Ort des Schatzes jedoch nicht. Immer ein Fischer in einem benachbarten Küstendorf kennt ihn. Ihm ist verboten, anderen davon zu erzählen. Kurz vor seinem Tod muss er sein Wissen einem anderen Fischer anvertrauen. So weiß immer nur ein Lebender wo die Begräbnisstelle ist und keiner weiß, wer das Geheimnis kennt.

Vom Nonnensee
Vor vielen hundert Jahren war an der Stelle, wo heute der Nonnensee liegt, festes Land, und da stand ein großes Nonnenkloster. Die Nonnen des Klosters waren so reich, dass alle ihre Gerätschaften aus purem Gold waren. Sie waren aber so geizig, dass sie niemandem etwas gaben. Sie wurden immer übermütiger, und als sie große Mengen Salz streuen ließen, um im Sommer Schlitten fahren zu können, war es mit ihrer Herrlichkeit jäh und schrecklich zu Ende. Das Kloster versank in einer Nacht und niemals wieder wurde eine Spur davon gesehen. Bald bildete sich ein See, der die ganze Umgebung des Klosters überflutete.