Bericht der Zeitung "Die Zeit" vom 11.09.1959 über die Störtebeker Festspiele in der DDR

Rügen Klassenkampf auf der Freilichtbühne in Ralswiek

Den per Bus und Sonderzug herantransportierten Belegschaften der mecklenburgischen Betriebe nur ist es zu verdanken, daß bei den Rügenfestspielen 1959 die Besucherzahl größer war als das Aufgebot an Mitwirkenden. Aber auch so blieb das Mißverhältnis von Zuschauern zu Akteuren noch erstaunlich: In dem kleinen Fischerdörfchen Ralswiek am Großen Jasmunder Bodden, fast im Zentrum der Insel Rügen, fanden sich in den letzten Augustwochen Tag für Tag rund 5000 Besucher ein, um dem Tun von mehr als 2000 Volksmimen zuzuschauen.
Schauspieler aus Rostock und von anderen Provinzbühnen der Zone, Arbeiter aus dem Fischkombinat Saßnitz, Volksarmisten aus dem Ausbildungslager Prora und Oberschüler aus Bergen traten an, um das letzte Lebensjahrzehnt des Seeräubers Klaus Störtebeker und seiner Likedeeler „volkskünstlerisch" nachzugestalten. Freilich ging es nicht darum, ein Heimatspiel gewohnten Stils oder ein Schauerdrama über die schillernde Randfigur der hansischen Geschichte aufzuführen, sondern darum, einen „Beitrag zur Nationalkultur" zu leisten. Für diesen Störterbeker im roten Hemd sorgte Nationalpreisträger Kuba, mit bürgerlichem Namen Kurt Bartels', der den Text der monströsen „Volksballade" (Aufführungsdauer: drei Stunden) verfaßt hatte, zusammen mit dem einstigen Hamburger Regisseur und derzeitigen Rostocker Generalintendanten Hanns Anselm Pcrten, der auf der exerzierplatzgroßen Freilichtbühne das Kommando über das Darsteller-Heer führte.
In diesem monumentalen Rahmen nun schwang Autor Kuba — vergeblich Bert Brecht nacheifernd — den Holzhammer der parteigerechten Lehrhaftigkeit. Eigens zu diesem Zweck ersann er die Gestalt des Magisters Wigbold, der die ideologischen Lehren des Stücks aus den Gedankengängen des englischen Bauernführers Wat Tyler, der aufständischen südfranzösischen Landleute, der böhmischen Hus-Anhänger und vor allem natürlich der Likedeeler zu destillieren hatte, um die Zuschauer nicht im Zweifel darüber zu lassen, daß ausgangs des 14. Jahrhunderts allerorten eine „revolutionäre Situation" im marxistischen Sinne geherrscht habe.
Doch auch an Gegenwartsbezügen mangelt es dem Kubaschen Werk nicht. So hat der Bürgermeister Karsten Sarnow das Erbübel des „Paktierertums" zu verkörpern, da er das Volk statt zum Aufstand „in die Irre" führt, später aber — dank der Perfidie der Mächtigen — trotzdem einen Kopf kürzer gemacht wird. Wozu sich „Neues Deutschland" vernehmen ließ: „Diese Lehre haben die deutschen Sozialdemokraten schon einmal in Hitlers Konzentrationslagern erhalten, und sie hat auch im Adenauer-Staat nichts an Aktualität eingebüßt."
Dem Gewandschneider Hermann Hosang aber, dem Prototyp des konsequenten und deshalb ebenfalls gehenkten Klassenkämpfers, windet das Parteiblatt postume Kränze. Meint es doch, sein Leben, Wirken und Sterben führe zu der „Erkenntnis unseres sozialistischen Alltags, daß man für eine Sache, dazu gehören zum Beispiel auch unsere Wirtschaftspläne, die man für gut befunden und deshalb beschlossen hat, konsequent und ohne Ausweichen ins Bequeme eintreten muß. Auch das wäre eine Lehre, die die Leitung der Volkswerft Stralsund beispielsweise aus der dramatischen Ballade von Kuba ziehen könnte."
Bei solch fabelhafter propagandistischer Verwendbarkeit des Kuba-Opus ist es kein Wunder, daß man jetzt in Ralswiek hört, des. Nationalpreisträgers roter Störtebeker solle auch im kommenden Sommer wieder seine Sprüche klopfen.

Quelle: DIE ZEIT, 11.09.1959 Nr. 37

http://www.zeit.de/1959/37/Stoertebeker-im-roten-Hemd